Thrombose hat viele Gesichter. In persönlichen Interviews teilen Betroffene ihre individuellen Erfahrungen und zeigen den realen Alltag mit der Erkrankung. Diese Berichte machen die Krankheit greifbarer und verdeutlichen die unterschiedlichen Wege im Umgang mit der Diagnose. Gleichzeitig sollen die Geschichten anderen Patienten zeigen, dass sie mit ihren Herausforderungen nicht allein sind. Wir hoffen, dass diese Einblicke Ihnen helfen und das Gefühl geben, mit Ihren Erfahrungen verstanden zu werden.

„Ich war sportlich, jung und voller Pläne – und plötzlich hatte ich eine Thrombose.“
Ja, es fing mit Rückenschmerzen an – ich war gerade in Spanien im Freiwilligendienst. Erst dachte ich an eine Verspannung, war beim Physiotherapeuten. Doch die Schmerzen wurden schlimmer, wanderten in die Leiste, dann ins Bein. Es fühlte sich schwer an, wurde dick – aber niemand dachte an eine Thrombose. Erst nach vier Wochen bekam ich die richtige Diagnose.
Direkt nach der Diagnose musste ich mein Freiwilliges Soziales Jahr abbrechen. Ich war völlig überfordert – emotional wie körperlich. Kompressionsstrümpfe tragen, täglich Blutverdünner nehmen – ich habe oft geweint. Mein Berufswunsch, zur Polizei zu gehen, war mit einem Schlag erledigt. Wegen der Medikamente, wegen der Sporttests – ich musste mich komplett neu orientieren. In den ersten Monaten konnte ich nicht mal mehr schmerzfrei laufen. Alles fühlte sich schwer an – im Körper, aber auch im Kopf.
Ich habe lange gehofft, dass ich wieder ganz gesund werde. Als mir klar wurde, dass die Thrombose bleibt, bin ich in ein Loch gefallen. Ich habe die Erkrankung verdrängt, versteckt, mich geschämt – besonders für die Kompression. Ich konnte sie nicht mal vor meinem Partner anziehen.
Der kam durch einen Fernsehbeitrag – als jemand sagte: „Sie hätte an der Thrombose sterben können.“ Da habe ich es wirklich realisiert. Das war der Moment, der mich zur Therapie gebracht hat. Sie hat mir sehr geholfen. Ich habe gelernt, meinen Körper besser zu verstehen, auf ihn zu hören. Ich bin heute Expertin meiner eigenen Krankheit. Ich weiß, worauf ich achten muss – im Alltag, im Urlaub, bei einer möglichen Schwangerschaft.
Dass Thrombose kein „Alte-Leute-Thema“ ist. Ich war 30 und sportlich. Die Krankheit hat mein Leben verändert – aber ich habe gelernt, damit zu leben. Ich weiß: Wenn man sich informiert, sich Hilfe holt und sich austauscht, kann man auch mit Thrombose ein gutes Leben führen. Die Thrombose ist ein fester Teil von mir. Ich habe sie akzeptiert und ich fühle mich wohl mit meinem Körper, mit meiner Geschichte. Und das Wichtigste: Die Thrombose kontrolliert nicht mein Leben – ich tue das.
Vor allem: Bewegung! Beim Fliegen regelmäßig aufstehen, Übungen machen, viel trinken – das kann jede*r sofort umsetzen. Aber auch im Alltag: Hydration ist total wichtig. Was viele unterschätzen: Familiäre Vorbelastungen. Wenn Mutter oder Oma schon mal eine Thrombose hatten, sollte man bei Themen wie der Pille unbedingt genauer hinschauen. Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht – das sind vermeidbare Risiken. Wer seinen Körper kennt und ihm Gutes tut, schützt sich am besten.

“Ich möchte nicht nochmal einem so hohen Risiko ausgesetzt sein”
2023 war ich mit meiner Familie im Urlaub und als ich heim kam, habe ich wie einen Muskelkater im Bein verspürt. Ich habe mir damals aber keine Gedanken gemacht, hat man ja schließlich immer mal wieder. Da mein Freund Arzt ist, hat er das Ganze aber sehr viel ernster genommen als ich es jemals getan hätte.
Wir sind dann gemeinsam zum Arzt und es wurde ein spezieller Test gemacht, der gezeigt hat, dass mit der Blutgerinnung etwas nicht stimmt. Daraufhin ging es für mich auf direktem Weg ins Krankenhaus, wo mittels Ultraschall festgestellt wurde, dass es sich um eine Thrombose handelte.
Im ersten Moment denkt man: “Das kann doch gar nicht sein”. Und ehrlicherweise hab ich es auch als etwas übertrieben empfunden, direkt ins Krankenhaus zu gehen.
Nach verschiedenen Untersuchungen wurde ich nach Hause geschickt und musste von da an blutverdünnende Medikamente nehmen und Kompressionsstrümpfe tragen.
Am Anfang habe ich alles super locker gesehen und mir gedacht: “Ich nehme jetzt eben diese Medikamente,” aber nach und nach wurde mir bewusst, wie gefährlich eine unbehandelte Thrombose wirklich werden kann.
Absolut nicht. Ich lebe an sich total gesund und bewege mich viel. Allerdings habe ich vor der Thrombose jahrelang die Anti-Baby-Pille genommen, was zu einem Protein-S-Mangel geführt hat, welcher das Blut schneller gerinnbar macht. Natürlich habe ich die Pille dann sofort abgesetzt. Bei einer Folgeuntersuchung, ca. 6 Monate nach dem Absetzen wurde dieser Protein-S-Mangel dann auch wirklich nicht mehr festgestellt.
Ich habe über 6 Monate Blutverdünner genommen und auch heute muss ich bei langen Flügen oder langem Sitzen prophylaktisch Blutverdünner einnehmen oder Heparin spritzen und Kompressionsstrümpfe tragen. Zudem hatte ich enorme Nebenwirkungen von den Medikamenten. Vor allem durch starkes Herzrasen konnte ich kaum schlafen. Auch Haarausfall hat mir psychisch sehr zu schaffen gemacht. Gerade als Frau fühlt man sich dadurch besonders krank. Durch die Strümpfe kann man im Sommer auf einmal keine offenen Schuhe mehr tragen und selbst am Strand bzw. Pool müsste man sie anziehen. Sollte ich irgendwann schwanger werden, werde ich vermutlich über die gesamten 9 Monate als Risikoschwangerschaft gelten.
Absolut, sobald ich wieder ein Ziehen bzw. Schmerzen in der Wade habe, bekomme ich sofort Panik und gehe zum Arzt, um es abklären zu lassen. Zudem möchte ich vor allem vermeiden, wieder diesen Blutverdünner nehmen zu müssen, da die Nebenwirkungen so schlimm waren. Denn ich möchte meine Haare behalten und auch das anziehen können, was ich will.
Früher dachte ich: “Ach easy, nimmst du so eine Pille und hast alles geregelt”. Mittlerweile würde ich sie nie wieder nehmen und würde ich mitbekommen, dass ein junges Mädchen diese verschrieben bekommt, würde ich auch etwas sagen. Mit damals 14 weiß man einfach nicht, was eine Thrombose ist und welche schlimmen Folgen sie haben kann.

„Ich kam gar nicht auf die Idee, dass es eine Thrombose sein könnte“
Ich war mit meiner Familie im August 2023 für zwei Wochen in Kanada. Nach der Rückkehr bemerkte ich zunächst ein leichtes Ziehen im rechten Unterschenkel, das einfach nicht nachließ.
Ich war beim Arzt, doch erste Untersuchungen blieben ohne Ergebnis. Ich hatte ganz normal mit meinem Büroalltag weitergemacht und war regelmäßig beim Sport. Die Beschwerden in der Wade waren zwar immer noch da, aber ich kam gar nicht auf die Idee, dass es eine Thrombose sein könnte.
Anfang September, in der Nacht von Sonntag auf Montag, bekam ich aus heiterem Himmel Luftnot und Husten. Meine Hausärztin diagnostizierte dann eine Rippenfellentzündung und verschrieb Antibiotika. Ich fühlte mich ständig schlapp und müde, hustete permanent und bekam schlecht Luft. Als ich am Ende der Woche erneut einen Arzt aufsuchte, fand ich mich auf der Intensivstation des Klinikums wieder.
Thrombose im gesamten Bein und mehrere Lungenembolien in beiden Lungen. Ich war in aktuer Lebensgefahr. Der Arzt auf der Intensivstation hat mir regelrecht den Kopf gewaschen, weil ich bis dorthin meine akut lebensbedrohliche Lage einfach nicht ernst genommen habe.
Ich muss seitdem blutverdünnende Medikamente einnehmen, die ich aber sehr gut vertrage. Jetzt schwillt mein rechtes Bein auch kaum mehr an. Ich trage im Alltag vorsorglich beidseits Unterschenkelkompressionsstrüpfe und versuche weiterhin regelmäßig Sport zu treiben.

„Ich dachte, ich kann nie wieder laufen.“
Rückblickend hatte ich schon in der späten Schwangerschaft erste Anzeichen – Rückenschmerzen, Leistendruck. Aber ich habe das alles der Schwangerschaft zugeschrieben. Nach der Geburt meiner Tochter wurde es schlimmer. Ich konnte kaum laufen, hatte starke Schmerzen. Und trotzdem dachte ich: Klar, ich habe gerade entbunden, das wird schon normal sein. Eine Woche nach der Geburt war dann mein Bein plötzlich verfärbt – blau und geschwollen. Erst da wurde klar: Ich habe eine tiefe Beckenvenenthrombose. Es war ein Schock.
Ich war erstmal erleichtert, dass es überhaupt eine Diagnose gab – und dachte gleichzeitig völlig naiv: Okay, dann nehme ich jetzt Tabletten und alles ist bald wieder gut. Ich war mir der Tragweite überhaupt nicht bewusst. Ich bin mit meinem Neugeborenen auf dem Arm in die Notaufnahme gefahren, habe meinem Mann gesagt, er könne ruhig zum Sport gehen – so wenig ernst habe ich das genommen. Erst als die Ärzt:innen von stationärer Aufnahme und Verlegung gesprochen haben, habe ich verstanden: Das ist nicht in ein paar Tagen erledigt.
Ich war in einer absoluten Ausnahmesituation – körperlich und emotional. Meine Tochter war gerade mal zehn Tage alt. Ich war kaum in der Lage zu gehen, stand unter Schmerzen und gleichzeitig unter dem Druck, für zwei Kinder da zu sein. Das Allerschlimmste war für mich aber, dass ich meiner älteren Tochter nicht gerecht werden konnte. Sie hatte gerade ein Geschwisterchen bekommen, sie brauchte mich – und ich war nicht da. Diese Hilflosigkeit, das Gefühl, nicht genügen zu können, war schlimmer als jeder körperliche Schmerz.
Nach der Diagnose wurde ich zunächst in ein anderes Klinikum verlegt, wo eine Thrombektomie durchgeführt wurde – dabei wird versucht, das Blutgerinnsel operativ zu entfernen. Leider war sie nicht so erfolgreich wie erhofft. Ich wurde früh entlassen, war aber körperlich extrem eingeschränkt. Jeder Schritt war eine Herausforderung. Ich hatte mir vorgenommen, einfach zur Kita zu laufen – 800 Meter. Ich kam keine 100 Meter weit. Ich stand weinend auf der Straße und dachte: Ich komme nie wieder irgendwo hin.
Aufgeben vielleicht nicht. Aber viele Momente, in denen ich mir Normalität nicht mehr vorstellen konnte. Ich habe gezweifelt – an meinem Körper und an meiner Belastbarkeit. Aber irgendwann kam ein Wendepunkt: Ich habe gemerkt, dass es besser wurde. Nicht auf einen Schlag – aber in kleinen Etappen. Ich konnte aufräumen, ohne sofort vor Schmerz innehalten zu müssen. Ich konnte wieder kurze Strecken gehen. Diese kleinen Erfolge habe ich mir aufgeschrieben – auch im Sport. Das hat mir geholfen, die Fortschritte zu sehen. Denn wenn man täglich kämpft, merkt man manchmal gar nicht, wie weit man schon gekommen ist.
Tatsächlich das Schreiben und Dokumentieren meiner Entwicklung. Ich bin eine sportliche Person – Fortschritt motiviert mich. Zu sehen, wie ich mich wieder zurück ins Leben bewege, war mein größter Antrieb. Und: Gespräche mit anderen. Das Gefühl, gehört zu werden. Ich hätte mir so sehr gewünscht, früher Geschichten wie meine zu finden – ehrliche Erfahrungsberichte, die nicht beschönigen, aber zeigen: Du bist nicht allein. Es wird besser.
Ich bin körperlich noch nicht da, wo ich mal war. Mein Bein ist oft schwer, vor allem nach Bewegung. Treppensteigen strengt mich an. Aber ich kann wieder leben, arbeiten, trainieren. Ich habe gelernt, geduldiger zu sein – mit mir und meinem Körper. Ich habe akzeptiert, dass die Thrombose nun, genau wie Blutverdünnung und Kompression, zu mir gehört. Und damit geht es mir gut.
Sehr viel. Ich hatte mich schon vor der Diagnose dafür angemeldet – der Lauf findet auf den Tag genau ein Jahr nach meiner Thrombose statt. Es fühlt sich an wie ein persönliches Zeichen: Ich laufe wieder. Nicht für persönliche Bestzeiten – sondern für mich. Und für alle, die vielleicht gerade da stehen, wo ich vor einem Jahr stand. Ich will Mut machen. Zeigen, dass Thrombose nicht das Ende bedeutet. Dass es weitergeht. Schritt für Schritt.
Es wird besser. Vielleicht nicht morgen. Vielleicht nicht nächste Woche. Aber mit jedem Schritt kommst du ein Stück weiter. Und du musst da nicht allein durch – rede, teile dich mit. Denn deine Geschichte zählt. So wie meine.

„Das kann nicht normal sein.“
Die Thrombose wurde bei mir im Frühling 2022 diagnostiziert. Das war für mich ein großer Schock, weil ich kurz davor noch im Urlaub war, sehr viel Sport gemacht habe und mich eigentlich so fit gefühlt habe wie schon lange nicht mehr.
Dann begann dieser Druck in der Wade. Am Anfang dachte ich noch: Vielleicht habe ich mir beim Sport etwas gezerrt. Ich habe ein, zwei Tage abgewartet, aber es wurde nicht besser – im Gegenteil. Es fühlte sich an, als würde von innen etwas zusammendrücken. Das war kein normaler Muskelkater, keine typische Sportverletzung. Irgendwann war da dieser Gedanke: Das fühlt sich nicht richtig an.
Ich hatte Glück, weil eine Kollegin von mir schon einmal eine Thrombose hatte. Dadurch war ich für das Thema etwas sensibilisiert. Ich wusste nicht viel darüber, aber genug, um die Symptome nicht einfach wegzuschieben.
Also bin ich zur Hausärztin beziehungsweise in die Gemeinschaftspraxis gegangen und habe meine Beschwerden geschildert. Der Arzt war zunächst zurückhaltend. Er meinte sinngemäß: Die Symptome könnten zwar schon zu einer Thrombose passen, aber in meinem Alter und bei meinem Fitnesslevel könne er sich das eigentlich nicht vorstellen. Zum Glück hat er trotzdem Blut abgenommen.
Am nächsten Tag rief er mich an. Ich war gerade im Büro und wollte in einen Workshop gehen. Er klang plötzlich ganz anders und sagte, die Blutwerte würden auf eine Thrombose hindeuten. Er hatte bereits in einer Praxis für Venenchirurgie angerufen und sagte: Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie sofort hin.
Erst einmal war es ein Schock. Gleichzeitig war es ein sehr merkwürdiges Gefühl, weil ich außer diesem Druck in der Wade keine extremen Schmerzen hatte und auch nichts Sichtbares. Auf dem Weg zur Praxis habe ich die ganze Zeit gedacht: Was passiert gerade in meinem Körper? Und was ist, wenn unterwegs etwas passiert?
In der Praxis wurde die Thrombose in der Wade dann bestätigt. Die Ärztin hat alles sehr ruhig und mit viel Feingefühl erklärt. Sie sagte mir: Jetzt, wo wir es festgestellt haben und Sie in Behandlung sind, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Das hat mich sehr beruhigt.
Trotzdem war die Angst in den ersten Tagen da. Ich bin in den ersten Nächten sogar aufgewacht, um zu überprüfen, ob ich noch atme. Das klingt im Nachhinein absurd, aber ich wusste durch meine Kollegin, dass aus einer Thrombose auch eine Lungenembolie entstehen kann. Diese Angst war einfach da.
Ich bekam direkt Medikamente, die erste Dosis noch in der Praxis, und wurde ins Sanitätshaus geschickt, damit Kompressionsstrümpfe angepasst werden konnten. Zum Glück hatte ich eine Standardgröße und konnte sie direkt mitnehmen.
Die Ärztin fragte mich auch, ob sie mich krankschreiben soll. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich nicht allein zu Hause sitzen wollte. Mir war es lieber, unter Menschen zu sein. Außerdem stand in den nächsten Tagen eine Veranstaltung an, bei der ich mich viel bewegen konnte. Für mich war das psychisch wichtig: zu merken, ich muss mich jetzt nicht komplett wegschließen. Ich darf weiter funktionieren – nur bewusster.
Danach folgten weitere Termine. Ich war bei der Frauenärztin, um zu besprechen, ob die Pille ein zusätzlicher Risikofaktor sein könnte. Die Medikation wurde dann auf eine Zusammensetzung umgestellt, die ein geringeres Thromboserisiko birgt. Außerdem wurde mir ein genetischer Test empfohlen. Dabei stellte sich heraus, dass ich tatsächlich eine genetische Veranlagung habe.
Ja, sehr. Das Wichtigste für mich war ein Satz der Ärztin: Sie haben alles richtig gemacht, weil Sie auf Ihren Körper gehört haben. Sie sind direkt gekommen – und das war gut.
Das hat viel mit mir gemacht. Ich bin dadurch nicht übervorsichtig geworden, aber ich höre heute genauer hin. Wenn ich lange gesessen habe, auf einer Reise war oder nach einem Langstreckenflug ein Ziehen in der Wade spüre, ist dieser Gedanke natürlich kurz wieder da. Gleichzeitig kann ich es heute besser einordnen. Und ich weiß: Wenn sich etwas wirklich merkwürdig anfühlt, kann ich jederzeit in die Praxis gehen und es abklären lassen.
Diese Sicherheit ist sehr wichtig. Nicht, weil man ständig Angst haben sollte, sondern weil man lernt, Beschwerden ernst zu nehmen – ohne in Panik zu verfallen.
Viele haben ähnlich reagiert wie ich selbst: Du bist doch noch so jung und fit – wie kann das sein? Gleichzeitig waren die Risikofaktoren nicht völlig unbekannt. Langstreckenflug, Pille, genetische Veranlagung – wenn man das zusammennimmt, konnten viele es nachvollziehen. Aber von allein wäre wahrscheinlich niemand darauf gekommen.
Ich bin sehr offen damit umgegangen, auch im Kollegenkreis. Wenn mir heute jemand unspezifische Beschwerden schildert, bin ich sensibler. Ich habe auch meinen Geschwistern geraten, sich testen zu lassen, weil die genetische Veranlagung eben eine Rolle spielen kann. Nicht alle waren da sofort konsequent. Aber ich verstehe auch, woher das kommt: Man verdrängt solche Dinge gerne, solange sie einen nicht akut betreffen.
Ich wollte im August nach Tansania und auf den Kilimandscharo steigen. Das war eine der ersten Fragen, die ich meiner Ärztin gestellt habe: Ich habe diesen Plan – wie sieht es aus?
Ihr Gesichtsausdruck hat mir nicht besonders viel Hoffnung gemacht. Sie sagte ganz klar: Erst einmal ist Sport tabu. Wir schauen in zwei Wochen weiter. Nach zwei Wochen sagte sie: Wenn Sie mich fragen, warten Sie bitte noch.
Nach etwa dreieinhalb Wochen habe ich wieder ganz langsam angefangen zu laufen. Wirklich ganz langsam.
Wie auf rohen Eiern. Ich bin am Anfang nur drei Kilometer gelaufen. Ich weiß nicht, ob ich jemals so wenig gelaufen bin. Normalerweise laufe ich, um zu entspannen und den Kopf frei zu bekommen. Dieser erste Lauf war das Gegenteil. Ich habe bei jedem Schritt in mich hineingehört: Was passiert in der Wade? Ist alles okay?
Schon beim zweiten Lauf merkte ich dann: Es funktioniert. Ich habe langsam gesteigert – und dann kam der nächste Rückschlag. Ich bekam Corona. Wieder hieß es: langsam angehen, kein Training.
Da stand ich vor der Entscheidung: Sage ich die Reise ab oder versuche ich es trotzdem? Für mich war klar: Schlimmer wäre es, schon vorher aufzugeben. Ich wollte es zumindest versuchen. Natürlich eng ärztlich begleitet. Ich habe mir noch einmal das Okay von der Kardiologin und vom Hausarzt geholt. Beide sagten: Lunge und Herz haben keinen Schaden genommen, ich gefährde meine Gesundheit nicht damit. Aber meine Fitness sei vermutlich bei 50 Prozent.
Ich bin die Reise trotzdem angetreten – mit Kompressionsstrümpfen, Medikation und sehr, sehr langsam. Und ich habe es tatsächlich bis auf den Gipfel geschafft.
Ich war sehr stolz. Nicht, weil alles leicht war. Sondern weil ich gemerkt habe: Es kann Rückschläge geben, aber sie bremsen dich nicht zwangsläufig komplett aus.
Der Kilimandscharo war körperlich sicher eine besondere Herausforderung. Aber im Kern steht er für etwas, das viele Betroffene kennen: Man muss lernen, dem eigenen Körper wieder zu vertrauen. Erst sind es vielleicht drei Kilometer. Dann zehn. Dann vielleicht ein Halbmarathon oder einfach der Alltag ohne Angst. Jeder hat sein eigenes Ziel.
Ich habe heute sehr wenige Einschränkungen. Die Kompressionsstrümpfe habe ich während der Behandlung getragen. Inzwischen trage ich sie vor allem auf langen Reisen – bei Flugreisen, aber auch bei längeren Zugfahrten. Beruflich bin ich häufiger in Berlin unterwegs, da achte ich einfach darauf.
Ich stehe häufiger auf, bewege mich zwischendurch, mache Übungen und denke bewusster an Vorbeugung. Medikamente nehme ich im Zusammenhang mit Reisen nach ärztlicher Empfehlung. Insgesamt kann ich aber sagen: Die Thrombose bestimmt mein Leben nicht.
Ich gehe einmal im Jahr zur Kontrolle. Am Anfang waren es engere Abstände, später halbjährlich, inzwischen jährlich. Vor diesen Terminen habe ich manchmal noch ein komisches Gefühl. Aber wenn ich danach rausgehe und weiß, dass alles in Ordnung ist, ist das ein sehr gutes Gefühl.
Das hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Ich laufe heute sehr viel und bin ins Trailrunning gegangen. Letztes Jahr bin ich zum ersten Mal eine Marathondistanz mit Höhenmetern gelaufen. Das hat sich sehr gut angefühlt.
Ich hatte dabei immer im Kopf: Ich möchte so trainieren, dass es Spaß macht – und sich nicht so anfühlt wie damals am Kilimandscharo. Das hat funktioniert. Es war anstrengend, aber ich kam nie an den Punkt, an dem ich dachte: Es geht gar nicht mehr.
Jetzt möchte ich mich langsam weiterentwickeln, vielleicht irgendwann in Richtung Ultradistanz. Mal sehen, was das Leben bereithält. Ich hoffe, dass das als Herausforderung erst einmal reicht.
Zuerst: Eine Thrombose ist eine ernste Diagnose, aber sie ist nicht automatisch das Ende der Welt. Es kann wieder besser werden.
Gleichzeitig würde ich nie sagen: Bei mir ist es gut gelaufen, also wird es bei dir genauso. Jeder Verlauf ist anders. Ich würde meine Erfahrung anbieten, aber nicht aufdrängen.
Was ich aber wirklich sagen möchte: Hört auf euren Körper. Wenn sich etwas anders anfühlt als sonst, wenn ein Druck, ein Ziehen oder ein Schmerz nicht erklärbar ist – lasst es abklären. Und lasst euch nicht abwimmeln. Ich habe damals sehr klar gesagt: Das ist nicht normal. So etwas habe ich noch nie gespürt. Vielleicht war genau das entscheidend dafür, dass der Test gemacht wurde.
Fragen zu stellen ist ebenfalls wichtig. Ich habe meine Ärztin alles gefragt – auch Dinge, die mir banal vorkamen. Gerade als sportlicher Mensch wollte ich wissen: Was darf ich? Was darf ich nicht? Wenn Laufen gerade nicht geht, geht vielleicht Schwimmen oder Fahrradfahren? Solche Antworten geben Orientierung – und manchmal auch einen kleinen Funken Hoffnung.
Denn darum geht es am Ende auch: ernst nehmen, was ist. Und trotzdem nicht vergessen, dass es weitergehen kann.